Presse

Kunst und Auktionen, Ausgabe Nr. 3, Jahrgang 46, 23. Februar 2018, Seite 6

Von zeitloser Relevanz

„Linienspiel und Farbenrausch“ in der Münchner Repräsentanz von Artcurial

Max Klinger, Schlafende 35 000 € Max Klinger (1857 – 1920), „Schlafende“, Feder, monogr., um 1880, 22 x 28 cm, Kunkel Fine Art, München
Louis-Léopold Boilly, Studie eines gebeugten Mannes TAXE 3000 € Louis-Léopold Boilly (1761 – 1845), „Studie eines gebeugten Mannes“, Kreide, 12x18cm, Artcurial, Paris, Auktion 21. März

Billard, meinte Albert Einstein einmal, sei die hohe Kunst des Vorausdenkens, erfordere das lo­gische Denken eines Schach­spielers und die ruhige Hand eines Konzertpianisten. So weit, so gut. Aber Achtung! Profis raten: „Think while standing, not while shooting“. Doch selbst dann, bei optimaler Vorgehensweise: Ist der Stoß endlich erfolgt, treffen die Kugeln wechselwirksam aufeinander, kommt’s – wie jeder weiß –, wie’s eben kommt: mal so und mal so ... Daher taugt diese Karambolage mit un­ge­wissem Ausgang irgendwie auch als eine Metapher der Gesellschaft – „als Modell der Wirk­lich­keit“, wie Friedrich Dürrenmatt es formulierte, „als eine ihrer möglichen Vereinfachungen“.

Das mag die lange Tradition der Spiel­idee erklären, die William Shakespeare in Antony and Cleopatra (1606) mit den Worten „let’s to billiards“ – vielleicht gar nicht ganz zu Unrecht – bereits vor Christus an­setzte. Fest steht aber: Als Charles Cotton 1674 The Compleat Gamester publizierte, war „the genteel, cleany and ingenious Game“ längst in weiten Kreisen etabliert.

Ernst Ludwig Kirchner (1880 – 1938), „Weiblicher Akt“, Thole Rotermund Kunsthandel, Hamburg
145 000 €, Ernst Ludwig Kirchner (1880 – 1938), „Weiblicher Akt“, Kreide, sign., 1910 / 11, 40,5 x 49,5 cm, Thole Rotermund Kunsthandel, Hamburg

1807 hat Louis-Léopold Boilly (1761 – 1845) das bunte öffentliche Treiben rund um „Un jeu de billard“ in Öl auf Lein­wand festgehalten (St. Petersburg, Ere­mi­tage). Artcurial (Paris) bringt am 21. März im Rahmen der Auktion „Maîtres anciens & du XIXe siècle“ bei 3000 Euro eine Kreidestudie dazu zum Aufruf – „Etude d’homme penché“: das Bild eines über den unsichtbaren grünen Tisch gebeugten „Vorausdenkers“ (Abb. oben, rechts).

Bereits am 2./3. März ist das Werk in der vor knapp drei Jahren installierten, von Moritz Freiherr von der Heydte ge­lei­teten Münchner Repräsentanz des Hauses zu sehen. Neben weiteren Pa­pier­arbeiten aus der Pariser Offerte, die mit Schätzpreisen von 1200 bis 12000 Euro an den Start gehen. Und neben ausgewählten Blättern des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die Kunkel Fine Art (München) und Thole Rotermund Kunsthandel (Hamburg) im Zuge dieses „deutsch-französischen Kunst­events“ in der bayrischen Haupt­stadt zu Preisen von 5500 bis 145 000 Euro anbieten.

Dem Geist der Kreativität kann man kaum näher kommen

Das Dreigestirn will mit der Ge­mein­schafts­aus­stel­lung „Linienspiel und Farbenrausch – Zeichnungen vom Barock bis zum Expressionismus“ den Markt nach der Winter­pause ge­wis­ser­maßen durch einen ersten konzertierten Stoß wieder ins Rollen bringen. Einen Markt, der seit Jahren im Wachsen begriffen ist. Denn große Kreise haben mittlerweile ver­stan­den, was lange Zeit nur unter Con­naisseurs Konsens war – und zwar: Dass man dem Geist der Krea­tivität nirgendwo näher kommen kann als im Kontakt mit Zeichnungen. Weil der Duktus der Hand als Motor einer jeden Arbeit – ob fahrig oder kon­zen­triert, ob frei oder befangen, ob mutig oder zögerlich – jen­seits des jeweils unter­suchten Gegen­stands das Tem­pera­ment des Künst­lers selbst zum Aus­druck bringt.

Die Zeichnung ist aber nicht nur deshalb attraktiv: Der Charme des Sam­mel­ge­biets besteht auch darin, dass man hier noch immer recht problemlos an Ori­ginale von bekannten Namen kommen kann: an zeitlose Werte eben – und das auch noch für kleines Geld. Ins­bes­on­dere im generell unterbewerteten Sektor der Alten/Älteren Kunst gehen erst­klas­sige Hand­zeich­nungen oft schon für ein paar Tausend Euro über den Tisch. Aber auch Arbeiten der Klas­sischen Moderne sind in der Regel deutlich billiger zu haben als quali­tativ vergleichbare Werke aus der Gemäldesparte.

In München lässt sich das alles herrlich nach­voll­ziehen. Da gibt es bei­spiels­weise Jean-Baptiste-Marie Pierres (1714 – 1789) atmende Rötelstudie einer lagernden Nymphe – ein Abbild des pul­sier­enden Lebens (Artcurial, Taxe 6000 Euro). Oder ein virtuos mit brauner Feder und Kreide hingeworfenes Skizzenblatt von Antoine-Jean Gros (1771 – 1835), das hochdekorativ um das Thema „Pferd und Reiter“ kreist (Artcurial, Taxe 12 000 Euro). Man bekommt auch wunderbar „ehrliche“ Arbeiten mit Zim­mer­manns­bleis­tift von Adolph Menzel (1815 – 1905) zu sehen, in denen er eine „Dame mit Hut“ und einen „Bärtigen Mann“ verinnerlichte (Kunkel Fine Art, 45 000 Euro und 39 500 Euro). Oder die mit Stahl- und Rohrfeder eingefangene „Schlafende“ (Abb. oben, links) des musikbegeisterten Tausendsassas Max Klinger (1857–1920), eine Vorstudie für die Radierung „Tod“ aus dem Zyklus „Eine Liebe, Opus X“ (Kunkel Fine Art, 35000 Euro). Und – last, not least – kann man einen gestischen „Weiblichen Akt“ in schwarzer Kreide von Ernst Ludwig Kirchner (1880 – 1938) studieren (Thole Rotermund Kunst­handel, 145 000 Euro) – ein Werk aus einer völlig anderen Zeit, und doch mit allen benachbarten Blättern verwandt (Abb. unten).

Denn als lineare Kunst, die der Welt unentwegt Kontur zu geben versucht – die fassen will, was per se gar nicht zu fassen ist – berührt die Disziplin auf hohem Abstraktionsniveau stets auch ein exi­stenzielles Menschheits­thema: die ewige Frage nach dem Warum. Damit sind Handzeichnungen, gleich welches Thema sie be­spielen, prinzi­piell über jede Mode erhaben – und damit von zeit­loser Rele­vanz ...

Stefan Weixler

ARTCURIAL München, „Linienspiel und Farbenrausch“, Ausstellung mit Kunkel Fine Art und Thole Rotermund Kunsthandel, 2./3. März
Auktion Paris, 21. März
www.artcurial.com


Abb: Kunkel Fine Art, München; Artcurial, Paris; Thole Rotermund Kunsthandel, Hamburg

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