Presse

LIQID, Online, 22. August 2018

Passioninvestments | Teil VI

Kunst als Geldanlage

Kunst ist nicht nur etwas fürs Auge, sondern kann auch eine interessante Vermögensanlage sein. Anleger sollten allerdings die Rendite-Erwartungen nicht nach vorne stellen, sondern vor allem Freude an ihrem Investment haben.

Pablo Picasso hat seinen Meister gefunden. Zweieinhalb Jahre lang durfte der 1973 verstorbene spanische Maler als der begehrteste Künstler aller Zeiten gelten: Sein Gemälde „Les femmes d’Alger” war im Mai 2015 vom Auktionshaus Christie’s zum Rekordpreis von 179,4 Millionen Dollar an einen unbekannten Bieter versteigert worden.
Doch im November 2017 sprengte ein anderes Gemälde alle Preisdimensionen: Sagenhafte 450,3 Millionen Dollar zahlte der Kronprinz Saudi-Arabiens, Mohammed bin Salman al-Saud, für das Meisterwerk „Salvator Mundi”. Erschaffer dieses Gemäldes: Leonardo da Vinci. Damit hat das italienische Genie aus der Renaissance dem wahrscheinlich wichtigsten Vertreter der modernen Kunst zweifellos den Rang abgelaufen – natürlich nur finanziell gesehen.

Dass überhaupt ein Werk dieses alten Meisters – so werden Maler des 14. bis 18. Jahrhunderts genannt – bei einer Auktion versteigert wurde, ist eine Seltenheit. Denn die meisten dieser Gemälde befinden sich im Besitz von Museen und wechseln deshalb so gut wie nie den Besitzer.

Preisspirale scheint kein Ende zu kennen

Ohnehin sind solche alten Meisterwerke, wie der Rekordpreis für den „Salvator Mundi” zeigt, für Normalsterbliche außerhalb jeder Reichweite. Und auch die beliebtesten Künstler des 19., 20. und 21. Jahrhunderts wie Vincent Van Gogh, Claude Monet, Paul Cézanne, Henri Matisse, Gustav Klimt, Amedeo Modigliani, Pablo Picasso, Francis Bacon, Andy Warhol oder Gerhard Richter sind für die allermeisten Interessenten unerschwinglich. Die Preisspirale für Gemälde der begehrtesten Künstler scheint kein Ende zu kennen. Investoren, die sie erwarben und oft schon wenige Jahre später wieder veräußerten, erzielten damit äußerst attraktive Renditen.

Doch Anleger, die über kein mehrstelliges Millionenvermögen verfügen und in Kunst investieren wollen, sollten sich nicht entmutigen lassen: Es geht auch ein paar Nummern kleiner. Für den Einstieg empfiehlt der Hamburger Kunsthändler Thole Rotermund Druckgrafiken. „Die gibt es von guten Künstlern bereits ab ein paar Tausend Euro”, sagt Rotermund. Das sei eine relativ wertbeständige Anlage, dafür seien aber auch nur bescheidene Erträge zu erwarten. Wer höhere Renditen anstrebe, müsse schon mindestens einen fünfstelligen Betrag in Arbeiten von anerkannten Künstlern investieren.

Der Anleger sollte wissen, was er will

Bevor ein Anleger Geld in die Hand nehme, sollte er sich aber genau fragen, was er wolle: „Das A&O ist es, auf sein Herz zu hören”, sagt Rotermund. Wenn Sie Kunst kaufen, erwerben Sie auch eine kreative Schöpfung, dessen müssen Sie sich bewusst sein. Kunst als pures Investment ergebe keinen Sinn. „Der Anleger sollte auch einen Bezug haben zu den Werken, die er erwirbt. Er sollte da nicht nur sachlich vorgehen”, sagt Rotermund. „Wenn Sie Kunst kaufen, erwerben Sie auch eine kreative Schöpfung, dessen müssen Sie sich bewusst sein”, sagt der Experte.

Das Problem bei einem Kunstwerk ist nämlich: Es ist nahezu unmöglich, seine Rendite auch nur ansatzweise vorauszuberechnen. Als Geldanlage komme Kunst daher nur für langfristige Zeiträume in Betracht.

Riskant sei es, in Werke von Künstlern oder in Kunstrichtungen zu investieren, um die gerade ein großer Hype herrsche. „Irgendwann endet mit Sicherheit der Hype. Das ist praktisch ein Gesetz”, sagt Rotermund. Ein Beispiel für einen Hype sei großformatige Konzeptfotografie, die unter der Bezeichnung Struffskys (ein Wortspiel aus den Namen der prominenten Künstler Struth, Ruff und Gursky) um die Jahrtausendwende Furore machte. Doch mittlerweile sei diese Stilrichtung längst nicht mehr so stark angesagt. Dazu habe auch die Erkenntnis beigetragen, dass die riesigen Fotoabzüge nicht immer lichtbeständig seien. „Das hat in der Szene natürlich für Irritationen gesorgt” sagt Rotermund. „Denn niemand weiß heute, in welchem Zustand die Aufnahmen beispielsweise in 50 Jahren sein werden.”

Solche Erfahrungen zeigten: „Zeitgenössische Künstler sind so etwas wie Start-up-Unternehmen: Sie können plötzlich den ganz großen Erfolg haben oder aber auch wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden”, erklärt Rotermund. Als zeitgenössisch bezeichnet Rotermund die Kunst der späten 1990er Jahre bis heute.

Worauf Anleger bei einem Künstler achten sollten

„Wenn Sie, was die Wertbeständigkeit angeht, einigermaßen auf Nummer sicher gehen möchten, ist zeitgenössische Kunst nicht das Richtige. Stattdessen sollten Sie sich an klassische Werte halten”, lautet seine Empfehlung. Bei einem Künstler, der schon etabliert sei, seien die Voraussetzungen für Wertzuwächse nämlich recht gut. Hier komme es aber auch darauf an, bei welchen Galeristen dieser Künstler vertreten sei und ob seine Werke nicht nur von nationalen, sondern auch von internationalen Kunsthändlern vertrieben werden. Wichtig sei zudem, dass der Künstler von anerkannten Museen permanent ausgestellt werde. All diese Kriterien seien gewissermaßen ein „Seismograf für das Ansehen eines Künstlers”.

Anleger sollten laut Rotermund auch auf Künstler setzen, die nur eine überschaubare Zahl von Arbeiten geschaffen haben. Denn die Werke eines solchen Künstlers genießen einen gewissen Seltenheitswert – und das treibt häufig ihren Preis.

Ein erfolgversprechender Ansatz kann es auch sein, in jene Disziplinen von bekannten Künstlern zu investieren, die zu Unrecht (noch) nicht die gleiche Wertschätzung wie die anderen Arbeiten dieser Künstler erfahren haben. Als Beispiel nennt Rotermund den Maler Emil Nolde, dessen Ölgemälde durchaus im Millionenbereich gehandelt werden. „Nolde war aber vor allem ein Meister des Aquarells. Sie stehen seinen Ölarbeiten qualitativ in nichts nach, kosten heute aber nur einen Bruchteil davon”, sagt Rotermund.

Worin sich Van Gogh und Picasso diametral unterscheiden

Daraus sollten Anleger aber auf keinen Fall den Schluss ziehen, dass es grundsätzlich eine gute Idee ist, in unbekannte Werke eines bekannten Künstlers zu investieren. Der Münchner Kunsthändler Alexander Kunkel nennt hierfür als Paradebeispiel den großen Vincent Van Gogh, einer der wohl berühmtesten und begehrtesten Maler überhaupt. Die Verehrung für Van Gogh beziehe sich aber nur auf die farbkräftigen Werke, die in seinen letzten drei Lebensjahren entstanden seien. „Alles was Van Gogh zuvor erschaffen hat, ist kunsthistorisch weitaus weniger bedeutend und entsprechend kaum gesucht”, sagt Kunkel.

Ein Gegenbeispiel zu Van Gogh ist der kaum weniger berühmte Pablo Picasso: Der Spanier hat ein enorm umfangreiches Werk erschaffen. Doch in seinem Fall ist Masse oft auch gleich Klasse: Die Kunsthändler Kunkel und Rotermund sind sich einig, dass viele seiner Arbeiten aus nahezu allen Schaffensperioden von höchster Qualität sind. Picasso war extrem produktiv und hatte ein sehr breites Themenspektrum. Hinzu kommt seine interessante Vita mit einem spannenden Liebesleben: Praktisch mit jeder neuen Frau an seiner Seite hat Picasso auch einen neuen Stil geschaffen. „Praktisch mit jeder neuen Frau an seiner Seite hat Picasso auch einen neuen Stil geschaffen”, sagt Kunkel. „Dadurch wurde er auch für Filmemacher spannend.” Damit, so die Experten, sei Picasso ein wahrer Ausnahmekünstler und obendrein eine weltweit begehrte Marke – für die allermeisten Anleger allerdings wohl auch eine unbezahlbare.

Doch nicht jeder Künstler ist ein Ausnahmekönner wie Picasso. „Bei den meisten Künstlern sollten sich Anleger deshalb die Frage stellen: Wofür ist er bekannt geworden? Was von ihm ist gesucht?”, sagt Kunkel. So seien zum Beispiel Porträts von berühmten Landschaftsmalern in der Regel vergleichsweise deutlich weniger Wert als eben deren Landschaftsbilder. Auch müsse immer untersucht werden, welche Schaffensperioden bei einem Künstler spannend seien. Zahlreiche Künstler, beispielsweise unter den Expressionisten, hätten mit wunderbaren Werken begonnen – und dann nur noch ein flaues Spätwerk zustande gebracht, so der Experte.

Einsteiger sollten nicht alles auf eine Karte setzen

Anleger sollten sich aus diesen Gründen unbedingt von einem Experten beraten lassen, ehe sie die unbekannte Arbeit eines bekannten Künstlers in dem Glauben erwerben, damit ein Schnäppchen zu machen. Überhaupt ist der Expertenrat für Käufer, die noch nicht viel Erfahrung haben wichtig – schon allein, um sicherzugehen, dass man keine Fälschung erwirbt.

Grundsätzlich empfiehlt Kunkel Anlegern, die zum ersten Mal in Kunst investieren wollen, ganz pragmatisch vorzugehen. Sind Gemälde und Zeichnungen überhaupt die sinnvollsten Kunst­formen für Anleger? Wer zum Beispiel 100.000 Euro ausgeben könne, sollte dafür nicht nur ein Werk kaufen, aber das Geld auch nicht auf unzählige Objekte verteilen, sondern vielleicht drei bis fünf Arbeiten auswählen. Dadurch sorge der Anleger für eine gewisse Risikostreuung, ohne dass er eine zu kleinteilige Sammlung mit unbedeutenden Kunstwerken erwerbe.

Doch sind Gemälde und Zeichnungen überhaupt die sinnvollsten Kunstformen für Anleger? Ja, so die einhellige Meinung der beiden Experten – von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Bei Kunstfotografien zum Beispiel ist die Ausführung sowie die Anzahl der Abzüge entscheidend. Denn selbst wenn ein Foto vom Künstler selbst bearbeitet und handsigniert ist – im Prinzip ist es doch beliebig reproduzierbar. Gute Chancen auf Wertsteigerungen haben lediglich Fotografien, von denen es lediglich fünf bis maximal zehn Abzüge gibt und bei denen sich der Künstler auch verpflichtet hat, keine weiteren Abzüge anzufertigen. Hier ist viel Fachwissen und Recherche nötig, um das nachzuprüfen.

Gegen Skulpturen wiederum spricht, dass sie sehr viel Platz beanspruchen. Deshalb gibt es auch nur relativ wenige Sammler, die darauf setzen und das führt dazu, dass die Preise für Skulpturen, wenn überhaupt, viel langsamer steigen als für begehrte Gemälde.

Doch auch was Gemälde und Zeichnungen angeht, sprechen ganz praktische Gründe für kleinere Formate. Denn großformatige Werke mögen im Museum oder in der Kirche sehr beeindruckend sein, in private Wohnzimmer passen sie nur höchst selten. Und das bremst die Sammelleidenschaft für solche Monumentalwerke doch erheblich.

Bei alten Meistern geht es nicht ohne Fachwissen

Als nächstes müssen Anleger sich die Frage stellen, in welche Stilrichtungen sie investieren möchten. „Für alte Meister brauchen Sie deutlich mehr Wissen als für jüngere Künstler”, sagt Kunkel. Denn in den Darstellungen gehe es häufig um historische, mythologische und religiöse Motive, die man kennen müsse, um eine Arbeit beurteilen zu können. Diese Themen kämen bei jüngeren Werken viel seltener vor. Bei vielen modernen oder zeitgenössischen Malern sei deshalb kein großes Fachwissen erforderlich: Letztlich sei es nur eine Frage des persönlichen Geschmacks des Betrachters, ob man deren Werke möge oder nicht. Alte Meister seien daher sehr beliebt bei ausgewiesenen Kunstliebhabern. Ihnen gehe es eher um eine langfristige Vermögensanlage, die keine hohe Rendite bringen müssen, aber Wertstabilität und emotionalen Genuss biete. Typische Käufer für moderne und zeitgenössische Kunst seien dagegen Hedgefonds-Manager: „Sie kaufen impulsiv was ihnen gefällt und erhoffen sich einen schnellen Wertzuwachs”, hat Kunkel beobachtet.

Welcher Anlegertyp ein Käufer ist und wofür er sich auch immer entscheidet: Er muss sich darüber im Klaren sein, dass sich ein Kunstwerk nicht so einfach wieder verkaufen lässt wie ein Wertpapier. Berücksichtigen sollten Anleger auch die Kosten, die mit dem Erwerb, dem Besitz und dem Wiederverkauf eines Kunstwerks verbunden sind. Denn um von dem Geschäft leben zu können, müssen die Händler natürlich einen Aufschlag auf ihren Einkaufspreis nehmen. Wer ein Kunstwerk über einen langen Zeitraum besitzt, muss mit Lagerungs-, Versicherungs- und eventuell auch mit Restaurierungskosten rechnen. Beim Verkauf von Werken von Künstlern, die noch keine 70 Jahre tot sind, schlägt wiederum das Folgerecht zu: Dann sind bis zu vier Prozent des Kaufpreises an die Verwertungsgesellschaft Bild abzuführen. Hierbei handelt es sich um eine Interessengemeinschaft, die 1968 zur Wahrnehmung der Rechte der Urheber von Kunstwerken gegründet wurde.

Korrelation mit dem Aktienmarkt vorhanden

Ganz allgemein ist die Preisentwicklung für Kunst laut Kunkel auch von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage abhängig: Geht es der Wirtschaft gut, steigen auch die Preise für Kunstwerke. Geht es der Wirtschaft gut, stei­gen auch die Preise für Kunst­werke. „Dadurch gibt es eine gewisse Korrelation mit dem Aktienmarkt”, sagt Kunkel. Allerdings reagiere der Kunstmarkt mit einer gewissen Verzögerung auf positive wie auch auf negative Ereignisse. Zudem handelt es sich um einen extrem fragmentierten Markt: Selten bewegen sich die Preise einheitlich. Die Werke eines Künstlers oder einer Stilrichtung, die im Moment stark angesagt ist, können selbst in Krisenzeiten, wenn der Kunstmarkt insgesamt schwächelt, im Wert noch zulegen.

Doch darauf verlassen, dass es so kommt, können Anleger sich nicht. Deshalb sollte der Kauf eines Kunstwerks nicht nur als nüchterne Geldanlage betrachtet werden, sondern immer auch als eine Investition für die Sinne.

Quelle: https://www.liqid.de/de/magazin/anlegen/kunst-als-geldanlage
Mit freundlicher Genehmigung von LIQID Investments, Berlin

Download als PDF Download als PDF