Presse

RIZE, Edition 13/2019, Seite 108ff

Franz von Bayros

Vom gefährlichen
Eros der Zeichnung
Der Fall
Franz von Bayros

FRANZ VON BAYROS zählt zu den schil­lernd­sten Per­sönlichkeiten der deutsch-öster­reichi­schen Kunst­szene um 1900. Seine lasziven Bild­phantasien ver­schaffen ihm den Ruf eines enfant terrible und rufen die Sittenwächter auf den Plan. Auf den Spuren eines skandal­um­wit­terten Zeichenvirtuosen, dem sein ungezü­gel­tes Talent zum Verhängnis wurde.

Text: Dr. Alexander Kunkel

Bereits als Kind will Franz von Bayros nur eines: zeichnen, zeichnen, zeichnen! Dies allein gibt noch keinen Anlass zur Sorge. Doch was der 1866 in eine altehrwürdige österreichi­sche Adelsfamilie hinein­geborene Knabe zu Papier bringt, lässt sein Umfeld aufmerken: woher kommt nur diese unüberseh­bare Vorliebe für erotische Motive? Bloß pubertäre Phan­tasien? Künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus...

Franz von Bayros
Franz von Bayros
Franz von Bayros

Mit Mitte Zwanzig hat Bayros sein Studium an der Wiener Akademie abgeschlossen und verkehrt in den feinsten Salons der Stadt. Erste Erfolge berech­tigen den gutaussehenden Frauenschwarm zu der Hoffnung, sich als freischaffender Künstler etablie­ren zu können. Allerdings ist das Leben in den Kreisen der High Society teuer und der amüsier­freudige Aristokrat chronisch pleite. Da trifft es sich, dass die Stieftochter des gleichermaßen wohlha­benden wie einflussreichen Walzerkönigs Johann Strauß im heiratsfähigen Alter ist. Die Aussichten auf eine glanzvolle Künstlerkarriere ohne materielle Sorgen zerschlagen sich jedoch, als Bayros’ Ehe nach nur einem Jahr in schwerem Zerwürfnis geschieden wird. Jetzt bleibt dem blaublütigen Lebemann nur noch eines: die Flucht nach vorn!

Franz von Bayros

Ab 1897 lebt Bayros in München und versucht einen künstlerischen Neuanfang. Schon bald gibt er die Malerei zugunsten der Zeichnung auf und spezia­lisiert sich auf ihm mit spielerischer Leichtigkeit von der Hand gehende erotische Motive. Dass er damit den Nerv der Zeit trifft, beweisen Malerstars wie Gustav Klimt und Franz von Stuck. Diese sorgen mit ihren sinnlichen Frauendarstellungen regelmäßig für Skandale und eilen von Erfolg zu Erfolg. Aber womit sie dem Publikum die Schamesröte ins Gesicht treiben, ist ein Klacks im Vergleich zu dem, was Bayros tagtäglich zeichnet. Genau darin liegt die Crux: Seine mit größter Liebe zum Detail geschil­derten Bildphantasien stellen alles bisher Dage­wesene in den Schatten und sind mit den all­gemeinen Moralvorstellungen unvereinbar. Mit diesen Werken im offiziellen Kunstbetrieb auf sich aufmerksam machen? Völlig unmöglich!

Es dauert jedoch nicht lange, bis Bayros’ Pikanterien ihre Liebhaber finden. Nach und nach erhält er von kunst­sinnigen Verlegern Aufträge zur Illustration erotischer Bücher und Mappenwerke. Diese er­schei­nen meist in niedriger Auflage und werden nicht selten unter der Ladentheke gehandelt, um die im katholischen Bayern besonders strenge Zensur zu umgehen. Ihre luxuriöse Ausstattung macht sie zu exklusiven Sammelobjekten, wobei der Hauch des Verbotenen ihren Reiz zusätzlich erhöht. Wen wun­dert es, dass sie in Kennerkreisen wie eine Bombe einschlagen und sich bald größter Beliebtheit er­freu­en?

Innerhalb kürzester Zeit ist Bayros’ Name bei Bücherliebhabern aus ganz Europa und den USA ein Begriff. Hunderte von ihnen beauftragen ihn mit der Gestaltung ihres persönlichen Exlibris, das sie als Druckgrafik auf die Vorsatzseiten ihrer wertvollsten Bücher montieren.

Franz von Bayros

Zu Bayros’ Markenzeichen zählen die Formen­spra­chen des Rokoko und des Japonismus, die er wie kaum ein zweiter Künstler um 1900 beherrscht. Ideal eignen sie sich für die immer wieder neue In­sze­nierung der lasziven, aufreizend schönen Frau, die im Mittelpunkt seines Schaffens steht. Obwohl Bayros‘ Vorliebe für das Frivole allgegenwärtig ist, geraten seine ornamental verspielten Zeichnungen nie zur einseitigen Projektionsfläche erotischer Män­ner­phantasien. Vielmehr erscheint die sowohl nackt als auch in üppigen Kostümen dargestellte Frau dank des ausgeprägten Sinns des Künstlers für Eleganz und Ästhetik in der Rolle der überlegenen Verführerin. Diese Wirkung wird durch Bayros’ virtuoses Linienspiel, zarte Laviertechnik und stu­pendes Kompositionsvermögen zusätzlich unter­strichen. Seine Werke verkörpern damit par ex­cellence das mondän-dekadente Frauenbild des Fin-de-siècle, wobei ein Schuss Ironie und Satire dem Betrachter stets ein leises Lächeln abnötigt.

Auf dem Höhepunkt des Erfolgs wendet sich das Blatt für Bayros.

Entgegen aller Vorsicht erregen seine Werke 1911 die Aufmerksamkeit der Münchner Staatsanwalt­schaft, die einen Sittlichkeitsprozess gegen ihn an­strengt. Gutachten über Gutachten werden ein­geholt, ob seine Werke noch als Kunst oder schon als Pornographie zu werten sind. Dass sich Bayros auf die Fürsprache prominenter Verleger und Kol­legen verlassen kann, beruhigt ihn wenig. Die Aussicht auf eine Verurteilung zu Haftstrafe im Zucht­haus versetzt den feinnervigen Künstler in Pa­nik und lässt ihn seine bayerische Wahlheimat flucht­artig verlassen. Steckbrieflich gesucht kehrt er nach Wien zurück, wo er jedoch nicht mehr an die Erfolge seiner Münchner Jahre anknüpfen kann.

1924 stirbt der manische Zeichner Franz von Bayros an einer Gehirnblutung. Jahre später lassen Ver­ehrer seiner Kunst eine Gedenktafel an seinem letzten Wohnhaus im 3. Wiener Bezirk anbringen. Bis heute ist Bayros’ Name Liebhabern der erotischen Kunst auf der ganzen Welt ein Begriff.

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