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RIZE, Edition 14/2019, Seite 80ff

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Destination

Paris!

Deutsche Künstler
an der Seine

Text: Dr. Alexander Kunkel

Am 29. März 1907 berichtet der weitgereiste Dichter und Schriftsteller Rainer Maria Rilke aus Paris: „Der Anspruch, den diese Stadt an einen hat, ist unermesslich und un­un­terbrochen. Ich verdanke ihr das Beste, was ich bis jetzt kann. [...] Sie verwandelt, steigert und entwickelt einen fortwährend, sie nimmt einem leise die Werkzeuge aus der Hand, die man bisher benutzte und ersetzt sie durch andere, unsäglich feinere und präzisere.“ Mit diesen Worten spricht Rilke, der als ehemaliger Privatsekretär des Bildhauers Auguste Rodin mit den wich­tig­sten Pariser Kunstkreisen in engem Kontakt steht, einer ganzen Generation von Künstlern aus der Seele. Zu dieser Zeit strömen Hunderte von ihnen aus allen Teilen Europas in die Seine-Metropole, um dort den letzten Schliff zu erhalten oder einen künstlerischen Neuanfang zu wagen.

Unter ihnen befindet sich auch der deutsch-amerikanische Zeichner Lyonel Feininger. Seit geraumer Zeit kennt man ihn als brillanten Karikaturisten, doch ist er es leid, Woche für Woche humoristische Beiträge für Berliner Satirezeitschriften abliefern zu müssen. Frisch verliebt bricht er 1906 mit seiner Lebensgefährtin, der Malerin Julia Berg, nach Paris auf und wendet sich unter ihrer Anleitung der Ölmalerei zu. Die Türme von Notre Dame (Abb.) ist eines seiner ersten Gemälde und so frisch und heiter, wie der Frühlingstag, an dem es gemalt worden ist. Doch auch Julia schaut Lyonel über die Schulter und lernt von ihm zu karikieren. In ihrer mit flottem Strich zu Papier gebrachten Kaffeehausszene (Abb.) begibt sich eine auffallend freizügig gekleidete Dame auf die Suche nach spendierlusti- gen Herren. Mindestens zwei von ihnen dürften sich nicht allzu lange bitten lassen.

Für die Künstler der Belle Epoque gehört das Kaffeehaus nicht weniger zu Paris wie die Champs Élysées oder der Eiffelturm. An keinem anderen Ort kann man sich so entspannt und angeregt zugleich über die jüngsten Eindrücke aus den unzähligen Ateliers und Ausstellungen austauschen. Legendären Ruf genießt das am Mont­parnasse gelegene Café du Dome, wo sich ab 1903 überwiegend deutsch- sprachige Zeichner, Maler und Bildhauer treffen. Viele von ihnen nehmen bei Henri Matisse Unterricht, der zusammen mit seinem Freund Pablo Picasso gerade die Pariser Kunstszene revolutioniert. Wenig später wird ihr Kreis immer internationaler und umfasst ebenso Franzosen, Italiener, Holländer, Skandinavier, Polen, Ungarn und Bulgaren.

Zu den Stammgästen des Café du Dome zählt neben Lyonel Feininger auch Walter Bondy. Dieser entdeckt 1907 zwei verschollene Gemälde von Vincent van Gogh, die er umgehend erwirbt. Wie stark der Eindruck des genialen Holländers auf Bondys Malerei ist, verrät dessen im selben Jahr entstandenes Stillleben mit Kerzenleuchter (Abb.). Das andere erklärte Vorbild der Pariser Kunstwelt ist Paul Cézanne. Durch die Aufhebung der traditionellen Gesetze von Perspektive und Farbe wird er zu einem Vorreiter der Klassischen Moderne, dessen Strahlkraft ganz Europa erfasst. Hiervon beeindruckt ist auch der zwischen Prag, Wien und Berlin pendelnde Emil Orlik, der in seinem 1910 datierten Gemälde An der Seine in Paris (Abb.) einen stimmungsvollen Eindruck vom Straßenbild der französischen Hauptstadt gibt.

Der Traum von einer sich gegenseitig befruchtenden kos­mo­po­litischen Künstlergemeinschaft findet ein jähes Ende, als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht. Viele Ausländer müssen Paris fluchtartig verlassen und für die nächsten vier Jahre stehen sich Frankreich und Deutschland als erbitterte Feinde gegenüber. Zu den unzähligen Opfern des Krieges gehören auch einige junge Künstler, die zu den hoffnungsvollsten Talenten ihrer Generation zählten. Nach Kriegs­ende zieht es die deutschen Künstler bald wieder an die Seine. Abermals wird das Café du Dome, dessen prächtige Fassade mit dem markanten Namensschriftzug Friedrich Vordemberge 1929 in einem stimmungsvollen Gemälde festgehalten hat (Abb.), zu einem ihrer bevorzugten Treffpunkte. Selbst winterliche Temperaturen können die Gäste nicht davon abhalten, den Flair des Boulevards an kleinen Kaffeehaustischen im Freien zu genießen. Dass es in den Goldenen Zwanziger Jahren im Café du Dome nicht weniger vergnügt zugeht wie in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, veranschaulicht Peter Anton Gekle in seiner Zeichnung Völkerkunde (Abb.). 1928 erscheint sie in der Zeitschrift JUGEND mit einem Dialog, der das an diesem Ort typische Spiel des Sehens und Gesehen Werdens satirisch unterstreicht. Einer der männlichen Gäste klagt dem anderen: „Ich habe mir die Pariser Kokotten hübscher vorgestellt.“ Worauf dieser antwortet: „Von 50 Jahren aufwärts bekommen sie internationalen Typ!“ Et voilà: Die ganze Welt trifft sich wieder in Paris!

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