Marcello • Pythia

Marcello
Pythia

1870

Bronze
Höhe: 45,5 cm
Bezeichnet am Sockel: Marcello und Gießerstempel Thiébaut Frères / Fumière & Gavingnot Scr / Paris
Modell 1870
Guss um 1875

Preis auf Anfrage


BIOGRAFIE

Marcello
1836 Fribourg (Schweiz) - 1879 Castellammare di Stabia

Adèle d'Affry entstammt einer angesehenen Schweizer Familie und erlangt durch die Heirat mit dem Herzog von Castiglione Zugang zu höchsten italienischen und französischen Adelskreisen. Bereits zuvor nimmt die künstlerisch begabte junge Frau in Rom bei dem Bildhauer Max Imhof Unterricht, den sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes 1857 wiederaufnimmt. In der Ewigen Stadt festigt sich ihre Faszination für die Bildwerke der Antike, deren Themen und Ästhetik nachhaltigen Einfluss auf ihr plastisches Schaffen haben.

1859 verlässt d’Affry Rom und zieht nach Paris. Dort setzt sie ihre Studien bei Antoine-Louis Barye und Jean-Baptiste Auguste Clésinger fort, die zu den führenden Bildhauern des Second Empire zählen. Da ihr als Frau der Zugang zum offiziellen Kunstbetrieb verschlossen ist, beschließt d’Affry 1863 unter dem männlichen Pseudonym Marcello im Pariser Salon auszustellen. Auch wenn ihre wahre Identität nicht lange verborgen bleibt, erregt sie mit drei Porträtbüsten die Aufmerksamkeit des französischen Kaiserpaars, mit dem sie fortan freundschaftlich verkehrt. Marcellos Atelier wird zu einem Treffpunkt der Pariser Gesellschaft, sie selbst genießt das Leben zwischen künstlerischer Boheme und aristokratischer Elite.

Während eines Romaufenthaltes 1869 schafft Marcello ihr bildhauerisches Hauptwerk Pythia. Laut Überlieferung war diese eine weissagende Priesterin, die dem Gott Apollon in Delphi diente und durch das einer Erdspalte entsteigende Gas in einen tranceartigen Zustand versetzt wurde. Die Pythia bildet nicht nur den Höhepunkt in Marcellos Auseinandersetzung mit heroischen Frauenfiguren der antiken Mythologie, sondern zählt auch zu den herausragenden Skulpturen des Second Empire. 1870 erregt sie als lebensgroßer Bronzeguss auf dem Pariser Salon enorme Aufmerksamkeit und wird von dem Architekten Charles Garnier für das im Bau befindliche Pariser Opernhaus erworben.

Erschöpft von der körperlich aufreibenden Arbeit an der Pythia beschließt Marcello, sich auf die Malerei zu verlegen. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 kann sie jedoch nicht mehr an ihre Erfolge während des französischen Kaiserreichs anknüpfen. Von schwerer Krankheit gezeichnet, verfasst Marcello ihre Memoiren, ordnet ihre Papiere und vermacht ihre Werke ihrer Heimatstadt Fribourg. Bis heute künden sie im dortigen Museum für Kunst und Geschichte von der erstaunlichen Karriere einer Bildhauerin in einer von Männern dominierten Kunstwelt.

Marcello (1836 Fribourg (Schweiz) - 1879  Castellammare di Stabia)
Gustave Courbet: Die Herzogin von Castiglione Colonna (Marcello), 1870