Jean-Baptiste Clésinger • Römischer Stier (Taureau romain)

Jean-Baptiste Clésinger
Römischer Stier (Taureau romain)

1859

Bronze
Höhe 37,5 cm
Bezeichnet am Sockel: CLESiNGER
Gießermarke: BRONZE ARTISTIQUE DE PARIS
Modell 1859, Guss um 1880

Provenienz:
Privatsammlung, Frankreich

Literatur:
The Romantics to Rodin. French Nineteenth-Century Sculpture from North American Collections. Los Angeles County Museum 1980, Seite 177, Nr. 60

Preis auf Anfrage


BIOGRAFIE

Jean-Baptiste Clésinger
1814 Besançon - 1883 Paris

Jean-Baptiste Clésinger wächst als Sohn eines Bildhauers in Besancon auf und wird bereits als Kind von seinem Vater unterrichtet. 1832 geht er nach Rom, wo er im Atelier von Bertel Thorwaldsen arbeitet, dem zu dieser Zeit angesehensten nordeuropäischen Bildhauer in Italien. Nach Wanderjahren zwischen seiner Heimatstadt und der Schweiz studiert Clésinger 1838 bei David d’Angers in Paris, um bald darauf wieder in die Schweiz und von dort nach Florenz zu gehen.

Zwischen 1845 und 1856 ist der notorisch über seinen Verhältnissen lebende sowie als eitel, unstet und krankhaft ehrgeizig geltende Clésinger in Paris. Mit der naturalistisch gearbeiteten Marmorskulptur "Die von einer Schlange gebissene Frau" (Musée d’Orsay Paris) erringt er im Salon von 1847 seinen ersten großen Erfolg. Die Zeitgenossen sind nicht nur von der erotisch-lasziven Pose des in Lebensgröße ausgeführten Aktes fasziniert, sondern rätseln auch über die Identität des Modells. Bald stellt sich heraus, dass es sich um Apollonie Sabatier handelt, eine Schönheit von zweifelhaftem Ruf, die zwischen 1844 und 1846 Clésingers Geliebte gewesen ist und wenige Jahre später einen der bekanntesten Salons von Paris führen wird. Nunmehr einer breiten Öffentlichkeit bekannt, erhält der Künstler in den folgenden Jahrzehnten mehrfach Staatsaufträge und wird mit der Ehrenlegion ausgezeichnet.

Von 1856 bis 1864 lebt Clésinger in Rom, von wo aus er sich an den Ausstellungen des Pariser Salons beteiligt. Seine Werke stellen meist klassizistisch aufgefasste Figuren der griechischen und römischen Mythologie sowie antikisch ideale Frauenbüsten dar. Vereinzelt fertigt er auch Tierstücke an. Unter letzteren ist die lebensgroße Marmorskulptur „Römischer Stier“ (ehemals Musée du Luxembourg Paris) hervorzuheben, mit der Clésinger 1859 einhelligen Beifall erntet. Die Kritik ist begeistert von der Naturtreue des Werkes und vergleicht es mit einer im Jardin de Tuileries befindlichen Löwenskulptur von Antoine-Louis Barye, dem bekanntesten französischen Tierbildhauer des 19. Jahrhunderts. Kaiser Napoleon III erwirbt den „Römischen Stier“ und verschafft Clésinger damit einmal mehr große Aufmerksamkeit. Das Werk wird seine populärste Skulptur und findet als Bronzeguss weite Verbreitung.

Zurück in Paris arbeitet Clésinger weiter am Ausbau seines Rufes. 1867 ist die französische Hauptstadt Schauplatz der Weltausstellung und empfängt Millionen Besucher aus aller Herren Länder. Clésinger entschließt sich gegen die Teilnahme am Salon und organisiert stattdessen eine Sonderschau mit seinen Werken. Er orientiert sich damit an Gustave Courbet und Edouard Manet, die ihre Gemälde ebenfalls in Einzelpräsentationen ausstellen. Clésingers Kalkül geht auf, denn die Presse nennt ihn in einem Atemzug mit zwei der wichtigsten Maler seiner Zeit.

Nach dem Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs 1870 kann Clésinger nicht mehr an die Erfolge früherer Jahre anknüpfen. Zwar erhält er auch in der Dritten Republik noch manchen offiziellen Auftrag, doch ist der sich zwischen Klassizismus und Realismus bewegende Stil seiner Werke in Zeiten des Impressionismus zunehmend weniger gefragt. Die Zerstörung vieler seiner Skulpturen für öffentliche Gebäude und Plätze beschleunigt das Verblassen von Clésingers Ruhm nach dem Tod des Künstlers.