Jeanne Mammen • Café Boul' Mich

Jeanne Mammen
Café Boul' Mich

c.1910

Watercolour and pencil on firm laid paper
13 : 18 cm
Monogrammed lower right

Provenance:
Jeanne Mammen Association

Literature:
Marga Döpping and Lothar Klünner, Jeanne Mammen 1890 – 1976. Monographie und Werksverzeichnis, Cologne 1997, SB JM 11, p. 295

Exhibitions:
"Jeanne Mammen: Aquarelle Paris, Brüssel vor 1915, Berlin 20er Jahre", Galerie Brockstedt, Hamburg 1971, no. 22; "Künstlerinnen aus drei Generationen", Helsinki, Dublin, Hamburg, Bonn and elsewhere, 1976, no. 8, repr.

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BIOGRAPHY

Jeanne Mammen
1890 Berlin - 1976 Berlin

Jeanne Mammen wächst als Tochter eines wohlhabenden Berliner Kaufmanns in Paris auf. Dort tritt sie im Alter von 16 Jahren in die Damenklasse der Académie Julien ein und studiert zwei Jahre später an der Académie Royale des Beaux-Arts in Brüssel. Unter dem Einfluss des belgischen Symbolismus setzt sie sich intensiv mit den Themen Eros und Tod auseinander, wobei sie sowohl von den morbiden Visionen eines Félicien Rops als auch den düsteren Bildwelten eines Fernand Khnopff inspiriert wird. Das Ergebnis ist eine eindrucksvolle Serie farbprächtiger Gouachen voller Phantastik, die einen ersten Höhepunkt in Mammens Schaffen markieren. Nach einem weiteren Studienjahr an der Scuola Libera der Villa Medici in Rom kehrt sie 1912 nach Paris zurück.

In der französischen Hauptstadt interessiert sich die junge Künstlerin vor allem für das Alltagsleben der Menschen. Ihr Atelier sind die Boulevards, Cafés und Varietés, ihre Modelle abgerissene Tagelöhner, elegante Flaneure, zwielichtige Halbweltdamen, tanzende Paare, eingebildete Beaus usw. Um das Gesehene spontan festhalten zu können, führt Mammen stets Skizzenbücher, Bleistifte und Aquarellfarben bei sich. Ihre mit flottem Strich zu Papier gebrachten Zeichnungen wirken wie schnappschussartige Momentaufnahmen, in denen nicht selten ein karikaturistischer Unterton mitschwingt. Dabei schenkt die Künstlerin sowohl der Mimik und Gestik als auch der modischen Erscheinung der Dargestellten ihre Aufmerksamkeit. Innerhalb weniger Jahre entsteht ein reichhaltiger Fundus an Typen, der eine wesentliche Grundlage für Mammens Werk der 1920er Jahre bildet.

Aufgrund ihrer deutschen Staatsangehörigkeit muss die Familie Mammen Paris bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs fluchtartig verlassen. 1915 erreicht sie über Umwege Berlin, doch ist das elterliche Vermögen verloren. Jeanne ist von nun an gezwungen, sich als Künstlerin ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Durch die Mitarbeit an den illustrierten Zeitschriften Jugend, Simplicissimus, Ulk und Uhu wird Mammen ab Mitte der 1920er Jahre einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Wie schon in den Pariser Jahren setzt sie sich mit Themen und Typen der Großstadt auseinander und zeigt in ihren bildmäßig angelegten Beiträgen einen Querschnitt durch die unteren wie oberen Gesellschaftsschichten. Die sozialen Verhältnisse in der Weimarer Republik sieht die Künstlerin dabei ohne Verklärung. Sie prangert sie jedoch nicht mit der ätzenden Schärfe eines Otto Dix, George Grosz oder Rudolf Schlichter an. Vielmehr entwickelt Mammen aus einer illusionslosen, distanzierten Haltung heraus einen nüchternen, erzählerischen Stil mit karikaturistischen Elementen. Damit rückt sie in die Nähe eines Karl Arnold bzw. einer Dodo, die ebenfalls für den Simplicissimus bzw. den Ulk tätig sind. Was Mammen von ihren Kollegen unterscheidet, ist das spezifische Interesse am lesbischen Milieu, das sie in einschlägigen Bars und Etablissements studiert.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 beendet Mammen ihre Mitarbeit an sämtlichen illustrierten Zeitschriften. Ihre Werke gelten als entartet und dürfen weder publiziert noch ausgestellt werden. Während des Dritten Reichs ist Mammen daher gezwungen, sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten. Im Verborgenen ist sie jedoch weiterhin künstlerisch tätig und wendet sich dem Kubo-Expressionismus zu. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs folgt Mammen dem Weg in die Abstraktion und entwickelt eine poetisch-reduzierte Bildsprache. Trotz ihrer bis zum Lebensende hin ungebrochenen Schaffenskraft kann sie nicht mehr an die Erfolge der 1920er Jahre anknüpfen, in denen sie zu den bekanntesten Künstlerinnen ihrer Zeit zählte.

Mammen, Jeanne (1890 Berlin - 1976 Berlin)
Unknown photographer: Jeanne Mammen in her studio, c.1945 © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V.